Block Satz zur Saison P01

Von Thomas Wyenne zu John McCain
27. August 2018

Das Zusammentreffen von zwei weit auseinander liegenden Zeitebenen hielt ich bislang für eine reine Erfindung von Science Fiction- oder Fantasy-Autoren. Doch heute sind - jedenfalls für mich - das späte 17. Jahrhundert und die Gegenwart ganz nah zusammengerückt. Auslöser für dieses seltsame Gefühl waren die zahlreichen Nachrufe auf US-Senator John McCain und der besondere Ort, wo ich diese Kommentare gelesen habe.

Um das zu erklären (soweit dies überhaupt möglich ist), muss ich ein wenig ausholen und Wikipedia heranziehen: Wir sind vor wenigen Tagen in Nordwales angekommen, um hier Urlaub zu machen. Unsere Ferienwohnung ist Teil eines Gehöfts aus dem 17. Jahrhundert, das einst zum Besitz von Thomas Wyenne gehörte. Wyennes Familie war alteingesessen in Nordwales, aber arm. Er heiratete Martha Buttall, eine Quäkerin, und wechselte selbst vom protestantischen Glauben zu dem der Quäker. Doch in ganz Britannien wurden die Quäker verfolgt, Wyenne kam für sechs Jahre ins Gefängnis.

Nach seiner Entlassung reiste er 1682 mit dem ebenfalls konvertierten William Penn nach Amerika, als sein Leibarzt und Vertrauter. Beide Männer wurden von ihren Ehefrauen begleitet. Wyenne unterstützte Penn bei dessen „heiligem Experiment“, wie er es nannte: der Einführung eines Regierungssystems, das auf Brüderlichkeit und persönlicher Freiheit für Siedler und Indianer beruhte. Pennsylvania wurde zu einer Zufluchtsstätte für Angehörige religiöser Minderheiten, die in Europa verfolgt oder diskriminiert wurden (Quäker, Hugenotten, Mennoniten, Juden u. a.).

Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit war Penns Regierungskonzept seiner Zeit weit voraus. Er hielt sich strikt an die Landabtretungsverträge mit den Indianern und hatte intensiven Kontakt zu den benachbarten indianischen Völkern, deren Sprachen er erlernte.

Thomas Wyenne gehörte zu den Gründern der Stadt Philadelphia. Während Penn nach einigen Jahren wieder nach England zurückkehrte, entschied sich Wyenne dauerhaft für die neue Welt. Er wurde Sprecher der Pennsylvania Assemblies of the Province in Philadelphia und zudem in mehrere juristische Ämter berufen, unter anderem zum Friedensrichter und zum Richter des Provinzgerichts von Pennsylvania.

Wyenne starb im September 1690. Er war - gemeinsam mit William Penn - einer der frühen Wegbereiter für die Freiheitsrechte, die schließlich 1787 in der Verfassung der Vereinigten Staaten proklamiert wurden. Eben jene Freiheitsrechte, für die auch John McCain bis zu seinem Tod eintrat. Dafür, "dass ein jeder sein Leben nach den eigenen Zielen und Vorstellungen gestalten kann", schreibt Stefan Schultz auf Spiegel online über McCains Grundhaltung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/john-mccain-darum-darf-donald-trump-nicht-zu-seiner-beerdigung-a-1225018.

Ich sitze in Thomas Wyennes altem walisischen Farmhaus und lese seine Geschichte, während zeitgleich ein würdigender Kommentar nach dem anderen zu John McCain auf meinem Display erscheint. Dabei verwischen die fast 330 Jahre, die zwischen den beiden liegen, immer mehr. Thomas Wyenne und John McCain: Beide haben sich der Freiheit verschrieben und verkörpern das, was Amerika leuchten ließ und verheißungsvoll machte. Hat diese Freiheit Zukunft?